Kommentar: Murphy – Rache ist süß

von Nicole Gozdek

Murphy’s Gesetz besagt, das alles, was schiefgehn kann auch schiefgehen wird. Als lebendes Sprichwort springt Murphy – unsichtbar für die Menschen – von Ort zu Ort und sorgt dafür, dass das auch so bleibt. Doch dann gerät seine Welt aus den Fugen und die Verwicklungen nehmen ihren Lauf.

Dieses Buch ist an manchen Stellen so urkomisch dass ich Tränen gelacht habe! Vor allem Friedrich hat es mir angetan (den müsst ihr aber selber kennenlernen, mehr verrate ich nicht).

Nicole hat mit ihrem Buch eine Idee verarbeitet, die mir so noch nie untergekommen ist: was, wenn Sprichwörter real wären? Ein Unglück kommt selten allein, Rache ist süß, Liebe macht blind – was, wenn das alles von Personen bewirkt wird, die wir nicht sehen oder begreifen können? Und was passiert, wenn plötzlich nicht mehr alles nach Plan läuft?

Trotz aller Komik bleibt das Buch aber durchweg spannend und ich konnte es nur schwer aus der Hand legen.

Es ist nicht das erste mal, dass ich dieser Autorin 5 Sterne vergebe – Nicole Gozdek hat’s einfach drauf.

Kommentar: Russendisko

von Wladimir Kaminer

Da ich selbst ein notorischer Auswanderer bin, hat mich der Klappentext sofort angesprochen. In ein neues Land aufbrechen, ohne zu wissen was einen dort erwartet, ist mutig. Abenteuerliche Erlebnisse sind da eigentlich vorprogrammiert.

Kaminer fasst in diesem Büchlein Episoden aus seinem Einwanderer-Leben zusammen, die ihm im Laufe der Zeit so passiert sind. Die Geschichten haben keinen roten Faden und sind manchmal etwas zusammenhangslos, aber nichtsdestotrotz unterhaltsam.

Vor allem die namensgebende Russendisko hat mir gut gefallen, auf so eine Idee hätte ich mal im Ausland kommen sollen…

Ich habe das Buch in einem Rutsch durchgelesen. Von dem gleichnamigen Film der auf dem Buch beruht habe ich erst hinterher erfahren. Da es ein Spielfilm ist und kein Episodenfilm, gehe ich davon aus dass man noch eine Handlung gestrickt hat, aber ich sehe ihn mir bei Gelegenheit mal an. Ich kann mir vorstellen dass er lustig sein könnte.

Kommentar: Lost Paradise

von Kathy Marks

From Mutiny on the Bounty to a Modern-Day Legacy of Sexual Mayhem, the Dark Secrets of Pitcairn Island Revealed

** Mein Pitcairn- Eintrag für die literarische Südsee-Kreuzfahrt **

Als im Jahr 2001 der Skandal um den weit verbreiteten Kindesmissbrauch auf Pitcairn öffentlich wurde, lebte ich gerade in Neuseeland. Die Schlagzeilen waren in jeder Zeitung; Fernsehen und Radio berichteten. Die Neuseeländische Polizei ermittelte, ich war also fast “vor Ort”. Schon damals hat es mich unheimlich interessiert, wie die Ermittlungen gehandhabt werden, denn Pitcairn gehört zu Großbritannien, wird aber zum Teil stellvertretend von Neuseeland aus verwaltet. Ungefähr auf halber Strecke zwischen Panama und Neuseeland ist es einer der abgelegensten Orte der Welt.

Mein Vater hat Pitcairn lange vor dem Skandal besucht, und war damals zu Gast bei Steve Christian in seinem Haus ‘Big Fence’. Natürlich hat er von irgendwelchen Verbrechen nichts geahnt, aber er hat mir oft von diesem Erlebnis erzählt. Damit war Pitcairn für mich kein exotischer Ort den man erstmal auf der Karte finden muss, sondern ich wusste bereits einiges über die Insel.

Kathy Marks war eine der wenigen Journalisten, die als internationales Pressecorps die Gerichtsverhandlungen auf Pitcairn begleiten durften. Sie hat sich intensiv mit den Fällen beschäftigt, unzählige Interviews geführt, und viele Hintergrundinformationen zusammengetragen. Ihr Buch zeichnet die Geschehnisse von der ersten Strafanzeige bis zur Verurteilung der Täter nach, und gibt ausserdem die Geschichte Pitcairns, und ihre Theorie wie es überhaupt dazu kommen konnte, wieder.

Spannend und lesenswert!

Kommentar: The Sailmaker’s Daughter

von Stephanie Johnson

Gleich vorweg: dieses Buch hat mir überhaupt nicht gefallen.

Dass es auf Fiji spielt ist eigentlich nur Nebensache, es hätte auch im Süden der USA oder in Indien spielen können. Überall eigentlich, wo im 19. Jahrhundert weiße Gutsbesitzer lebten, die mit ihren Angestellten nicht viel zu tun haben wollen. Wobei die Fijianer oder die importierten Inder eigentlich auch kaum eine Rolle spielen.

Der Schreibstil ist dennoch unterhaltsam, deshalb habe ich das Buch auch nicht abgebrochen sondern zu Ende gelesen. Es hat mich auch genug interessiert, dass ich mir auf Google Maps noch einmal die Inseln angesehen habe, um nachzuvollziehen wo wir gerade sind. Ich war nur zweimal auf Fiji, und kann wirklich nicht behaupten dass ich mich da auskenne.

Um zu erklären warum ich das Buch trotzdem doof fand, muss ich allerdings auf den Inhalt eingehen, deshalb folgt ein Spoiler:

Spoiler

Jede sexuelle Handlung im Buch, nein, sogar jede Handlung im Buch die irgendwie mit Geschlechtsteilen zu tun hat (selbst ohne Sex) wird von der 12-jährigen Protagonistin beobachtet. Egal ob die Oma einen Hefepilz hat und sich zwischen den Beinen kratzt, oder ob zwei Figuren nachts beim Schwimmen in einem See Sex haben, ob sich jemand die Geschlechtsteile wäscht, oder ob der Vater Sex mit einer fremden Frau hat. Die kleine Protagonistin ist IMMER in der Nähe und beobachtet alles genau.

Dieser vorpubertäre Voyerismus hat mich massiv gestört. Erstens weil es mir aufgestossen hat dass ein Kind sowas DAUERND mitbekommt, und zweitens weil es nicht nötig gewesen wäre. Das Buch ist in der Dritten Person geschrieben, die Erzählerin hätte diese Dinge also auch erzählen können OHNE dass das Kind danebensteht. Eigentlich hätte man diese ganzen Szenen auch komplett weglassen können. Ich weiss wirklich nicht was sich die Autorin dabei gedacht hat, aber ich fand’s total scheisse.

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Und auch wenn es meinen Ansprüchen nicht genügt hat, zähle ich es erstmal als meinen Fiji-Eintrag für meine literarische Südsee-Kreuzfahrt.

Kommentar: Das Verschwinden der Adèle Bedeau

von Graeme M. Burnet

Dieses Buch ist mein Elsass-Beitrag für die literarische Tour de France. Es spielt in Saint Louis, an der Grenze zur Schweiz und zu Deutschland.

Eine Sache die mir aufgefallen war ist dass sich das Leben in Saint Louis immer in Richtung Frankreich orientiert: obwohl man fast nach Basel rüberspucken kann, fahren Clémence und ihre Freunde zum amüsieren ins 30 Kilometer entfernte Mulhouse, und Manfred sucht Abwechslung in Strassburg, obwohl er auch über die Grenze nach Freiburg fahren könnte. Das fühlte sich für mich typisch französisch an, obwohl der Autor Schotte ist.

Ungewöhnlich ist, dass der Polizeibeamte Georges Gorski erstmal überhaupt nicht in Erscheinung tritt. Stattdessen konzentriert sich die Geschichte auf Manfred Baumann und dessen Leben in Saint Louis. Überhaupt geht es nicht, wie sonst in einem Krimi, mit einer Leiche los, sondern wir begegnen Adèle ganz lebendig. Es gibt zwar auch eine Leiche, aber davon erfahren wir erst später und mit Adèle hat sie nicht so richtig was zu tun. Eigentlich ist es gar kein Krimi, aber irgendwie doch.

 

Wie mich das eBook doch noch überzeugt hat

In den frühen 2000-ern las ich das erste Mal ein Buch elektronisch. Es war eine gekaperte Version von Harry Potter, die irgend jemand im Word-Format ins Usenet gestellt hatte. Ich saß ganze Abende vor dem Computer und las und las, und scrollte und scrollte. Legal war das natürlich nicht, und anstrengend war es auch.

Das nächste mal kreuzten elektronische Bücher etwa 2005 meinen Weg. Das amerikanische Projekt Gutenberg hatte urheberrechtsfreie Texte und Bücher zum Download im Angebot, manchmal als PDF, meistens als .txt Datei. Eine Weile war ich begeistert, doch das Lesen am Bildschirm war immer noch ermüdend, und ich wollte auch nicht unbedingt nur Klassiker und “altes Zeug” lesen. Weiter

Kommentar: Frauen, Fische, Fjorde

von Anne Siegel

Die Geschichte der Frauen, die 1949 und in den folgenden Jahren zu Hunderten nach Island aufbrechen, war mir überhaupt nicht bekannt.  Die Schicksale der porträtierten Frauen (und einem Mann) sind in mancher Hinsicht jedes mal recht ähnlich: Krieg, Flucht, Hunger, Nachkriegswirren.

Doch sie sind auch unterschiedlich, so gibt es die vertriebene Ostpreussin genauso wie die gebürtige Lübeckerin, Frauen aus einfachen Verhältnissen ebenso wie die privilegierte Offizierstochter.

Was sie alle gemeinsam haben ist, dass sie in Island eine neue Heimat gefunden haben. Die meisten wollten nur ein Jahr bleiben, doch sie fanden Ehemänner und ein Zuhause, lernten die Sprache und gründeten Familien. Einige der Frauen erzählen ihre Geschichte in diesem Buch zum ersten Mal.

Ich fand es sehr spannend!

Kommentar: Hotline für besorgte Bürger

von Ali Can

Interkulturelle Kommunikation ist ein Schlagwort, dass mir vor allem in Stellenanzeigen immer wieder unterkommt. Doch was ist das eigentlich? Klar, wer in Japan Maschinenteile verkaufen will, sollte schon auf Japanisch verhandeln können. Doch welche Rolle spielt das ganze in unserer eigenen Gesellschaft, ausserhalb des Geschäftslebens?

Ali Can setzt sich mit Migration und Integration auseinander, und sucht das Gespräch da, wo viele Haltmachen: bei Pegida, mit AfD-Wählern und besorgten Bürgern. Wer nicht als rechts gelten will, distanziert sich von Ihnen, und Gespräche auf Augenhöhe sind schwierig.

Ali fährt in den Osten der Republik und trifft sich mit Pegida-Anhängern. Das Ergebnis überrascht ihn selbst und führt 2016 dazu dass er eine kostenlose Hotline einrichtet. Er bekommt Anrufe von besorgten Familienvätern, von AfD-Mitgliedern und von jungen Leuten, die sich mit ihren Sorgen und Ängsten vor Überfremdung, vor dem Islam und vor Terroristen auseinandersetzen. Es kommt zu interessanten Gesprächen. Ali verurteilt nicht und predigt nicht, sondern hört sich die Argumente an und sucht erstmal den kleinsten gemeinsamen Nenner, von dem aus man weiter gemeinsam diskutieren kann.

Ich habe einiges gelernt beim Lesen – nicht nur, was “solche” Leute so bewegt, sondern auch, wie man mit ihnen reden kann ohne sie gleich in die rechte Schublade zu stecken.

Kommentar: Die Magie der Namen

von Nicole Gozdek

Namen haben Macht, das wissen wir spätestens seit Ursula LeGuin’s Earthsea Saga. In Mirabortas haben sie sogar so viel Macht, dass sie ihre Träger von Grund auf verändern. Deshalb tragen Kinder auch keine Namen, sondern Nummern, bis ein Namensfinder ihnen am Ende der Schulzeit ihren wahren Namen verrät und damit auch gleichzeitig ihren Beruf, ihre Erscheinung und ihre Vergangenheit.

Das ganze Konzept der Namensmagie hat mich sofort fasziniert, denn ich habe selbst mehrere unterschiedliche Namen, die von unterschiedlichen Leuten benutzt werden. Jedes mal, wenn ich einen neuen Namen bekommen habe, habe ich mich auch ein Stück weit selbst neu erfunden.

Im Ausland trug ich z.B. einen ganz anderen Vor- und Nachnamen als zu meiner Schulzeit in Deutschland. Im nächsten Land bekam ich wieder einen neuen Namen, weil meine Kollegen Probleme mit der englischen Aussprache hatten. Ich fing sozusagen immer wieder ganz neu an – neuer Job, neue Kontakte, neue Sprache – und ein neuer Name, der noch ein ganz unbeschriebenes Blatt war. Sich selbst ganz neu definieren zu dürfen hat tatsächlich etwas magisches, und macht zumindest mir auch Spaß.

So habe ich ein Stück weit eine Art Namensmagie am eigenen Leib erfahren können, und habe deshalb ganz besonders mit Nr. 19 mitgefiebert. Was bedeutet sein neuer Name – und was für eine Person wird er werden?

Die Geschichte hat mich sehr gefesselt, und ich konnte das Buch kaum aus der Hand legen.

Kommentar: Passage to Ararat

von Michael J. Arlen

Als Sohn von Michael Arlen, dem berühmten britischen Schriftsteller der Zwanziger Jahre, wuchs Michael John Arlen in Frankreich und Amerika auf. Dass sein Vater bürgerlich Dikran Kouyoumjian hiess und aus einer armenischen Familie stammte war zwar kein Geheimnis, doch er schien alles armenische auf Abstand zu halten. Zuhause wurde kein Armenisch gesprochen, und die armenische Kultur wurde nicht gepflegt. Erst als Erwachsener, nach dem Tod des Vaters, macht Michael John sich auf die Suche nach seinen Wurzeln, die ihm – durch und durch Amerikaner – immer wieder begegnen und über die er so wenig weiss.

Von Armeniern, denen er in Amerika begegnet, hört er immer wieder die gleiche Litanei über den Völkermord, und lehnt die Opferrolle, die sie so gerne einzunehmen scheinen, ab. Schliesslich reist er mit seiner Frau in das damals noch der UDSSR zugehörige Armenien, um sich selbst ein Bild zu machen, um die “echten” Armenier und das “echte” Armenien zu erleben.

Beladen mit einem Koffer voller Bücher beginnt er in einem Hotelzimmer in Erivan damit, sich dem Land und den Leuten anzunähern. Er beginnt systematisch am Anfang, mit den Königen von Nairi, die einst ein großes Reich regierten und für ihre Pferdezucht berühmt waren, und nimmt den Leser mit auf eine spannende Reise durch die Zeit bis in die Gegenwart der 1970er Jahre.

Dabei lernt er viel dazu, erlebt, hinterfragt und erforscht, diskutiert mit Einwohnern und Emigrées, und wir werden Zeugen, wie sich sein eigenes Bild über Armenien, seine Herkunft, und seinen Vater wandelt.

Ein wunderbares Buch.