Rezension: Frauen, Fische, Fjorde

von Anne Siegel

Die Geschichte der Frauen, die 1949 und in den folgenden Jahren zu Hunderten nach Island aufbrechen, war mir überhaupt nicht bekannt.  Die Schicksale der porträtierten Frauen (und einem Mann) sind in mancher Hinsicht jedes mal recht ähnlich: Krieg, Flucht, Hunger, Nachkriegswirren.

Doch sie sind auch unterschiedlich, so gibt es die vertriebene Ostpreussin genauso wie die gebürtige Lübeckerin, Frauen aus einfachen Verhältnissen ebenso wie die privilegierte Offizierstochter.

Was sie alle gemeinsam haben ist, dass sie in Island eine neue Heimat gefunden haben. Die meisten wollten nur ein Jahr bleiben, doch sie fanden Ehemänner und ein Zuhause, lernten die Sprache und gründeten Familien. Einige der Frauen erzählen ihre Geschichte in diesem Buch zum ersten Mal.

Ich fand es sehr spannend!

Rezension: Hotline für besorgte Bürger

von Ali Can

Interkulturelle Kommunikation ist ein Schlagwort, dass mir vor allem in Stellenanzeigen immer wieder unterkommt. Doch was ist das eigentlich? Klar, wer in Japan Maschinenteile verkaufen will, sollte schon auf Japanisch verhandeln können. Doch welche Rolle spielt das ganze in unserer eigenen Gesellschaft, ausserhalb des Geschäftslebens?

Ali Can setzt sich mit Migration und Integration auseinander, und sucht das Gespräch da, wo viele Haltmachen: bei Pegida, mit AfD-Wählern und besorgten Bürgern. Wer nicht als rechts gelten will, distanziert sich von Ihnen, und Gespräche auf Augenhöhe sind schwierig.

Ali fährt in den Osten der Republik und trifft sich mit Pegida-Anhängern. Das Ergebnis überrascht ihn selbst und führt 2016 dazu dass er eine kostenlose Hotline einrichtet. Er bekommt Anrufe von besorgten Familienvätern, von AfD-Mitgliedern und von jungen Leuten, die sich mit ihren Sorgen und Ängsten vor Überfremdung, vor dem Islam und vor Terroristen auseinandersetzen. Es kommt zu interessanten Gesprächen. Ali verurteilt nicht und predigt nicht, sondern hört sich die Argumente an und sucht erstmal den kleinsten gemeinsamen Nenner, von dem aus man weiter gemeinsam diskutieren kann.

Ich habe einiges gelernt beim Lesen – nicht nur, was „solche“ Leute so bewegt, sondern auch, wie man mit ihnen reden kann ohne sie gleich in die rechte Schublade zu stecken.

Rezension: Die Magie der Namen

von Nicole Gozdek

Namen haben Macht, das wissen wir spätestens seit Ursula LeGuin’s Earthsea Saga. In Mirabortas haben sie sogar so viel Macht, dass sie ihre Träger von Grund auf verändern. Deshalb tragen Kinder auch keine Namen, sondern Nummern, bis ein Namensfinder ihnen am Ende der Schulzeit ihren wahren Namen verrät und damit auch gleichzeitig ihren Beruf, ihre Erscheinung und ihre Vergangenheit.

Das ganze Konzept der Namensmagie hat mich sofort fasziniert, denn ich habe selbst mehrere unterschiedliche Namen, die von unterschiedlichen Leuten benutzt werden. Jedes mal, wenn ich einen neuen Namen bekommen habe, habe ich mich auch ein Stück weit selbst neu erfunden.

Im Ausland trug ich z.B. einen ganz anderen Vor- und Nachnamen als zu meiner Schulzeit in Deutschland. Im nächsten Land bekam ich wieder einen neuen Namen, weil meine Kollegen Probleme mit der englischen Aussprache hatten. Ich fing sozusagen immer wieder ganz neu an – neuer Job, neue Kontakte, neue Sprache – und ein neuer Name, der noch ein ganz unbeschriebenes Blatt war. Sich selbst ganz neu definieren zu dürfen hat tatsächlich etwas magisches, und macht zumindest mir auch Spaß.

So habe ich ein Stück weit eine Art Namensmagie am eigenen Leib erfahren können, und habe deshalb ganz besonders mit Nr. 19 mitgefiebert. Was bedeutet sein neuer Name – und was für eine Person wird er werden?

Die Geschichte hat mich sehr gefesselt, und ich konnte das Buch kaum aus der Hand legen.

Rezension: Passage to Ararat

von Michael J. Arlen

Als Sohn von Michael Arlen, dem berühmten britischen Schriftstellers der Zwanziger Jahre, wuchs Michael John Arlen in Frankreich und Amerika auf. Dass sein Vater bürgerlich Dikran Kouyoumjian hiess und aus einer armenischen Familie stammte war zwar kein Geheimnis, doch er schien alles armenische auf Abstand zu halten. Zuhause wurde kein Armenisch gesprochen, und die armenische Kultur wurde nicht gepflegt. Erst als Erwachsener, nach dem Tod des Vaters, macht Michael John sich auf die Suche nach seinen Wurzeln, die ihm – durch und durch Amerikaner – immer wieder begegnen und über die er so wenig weiss.

Von Armeniern, denen er in Amerika begegnet, hört er immer wieder die gleiche Litanei über den Völkermord, und lehnt die Opferrolle, die sie so gerne einzunehmen scheinen, ab. Schliesslich reist er mit seiner Frau in das damals noch der UDSSR zugehörige Armenien, um sich selbst ein Bild zu machen, um die „echten“ Armenier und das „echte“ Armenien zu erleben.

Beladen mit einem Koffer voller Bücher beginnt er in einem Hotelzimmer in Erivan damit, sich dem Land und den Leuten anzunähern. Er beginnt systematisch am Anfang, mit den Königen von Nairi, die einst ein großes Reich regierten und für ihre Pferdezucht berühmt waren, und nimmt den Leser mit auf eine spannende Reise durch die Zeit bis in die Gegenwart der 1970er Jahre.

Dabei lernt er viel dazu, erlebt, hinterfragt und erforscht, diskutiert mit Einwohnern und Emigrées, und wir werden Zeugen, wie sich sein eigenes Bild über Armenien, seine Herkunft, und seinen Vater wandelt.

Ein wunderbares Buch.

Rezension: Girls Like You

von Paul Sheehan

Tegan Wagner ist eine Heldin. Nur ein Bruchteil aller Sexualstraftaten in Australien werden bei der Polizei angezeigt. Von diesen Anzeigen werden nur ein Bruchteil tatsächlich vor einem Gericht verhandelt. Von diesen verhandelten Fällen werden nur ein Bruchteil der Täter zu Gefängnisstrafen verurteilt.

Die 14-jährige Tegan hat sich dieser Statistik entgegengestellt, und ihre Vergewaltiger, die K. Brüder, angezeigt. In einem Gerichtsverfahren, das 4 Jahre dauern sollte und über 3 Millionen Dollar Steuergelder verschlang, hat sie sich nicht kleinkriegen lassen und gegen ihre Peiniger ausgesagt.

Journalist Paul Sheehan rollt die Ereignisse aus dem Jahr 2002 akribisch auf und erzählt nach, was sich damals zugetragen hat. Die sechs K. Brüder haben sich an über einem Dutzend junger Frauen vergangen, weil sie der Meinung waren sie hätten es nicht anders „verdient“. Anhand der Gerichtsakten verfolgt Sheehan die nachfolgenden Verhandlungen, und zeigt auf, welche Missstände im australischen Rechtssystem herrschen, dass Opfer von Gewalttaten kaum schützt und sie sogar irrwitzigen Befragungen durch die Täter aussetzt.

Tegan Wagner verzichtete auf ihr Recht auf Anonymität, damit der Fall in den Medien öffentlich gemacht werden konnte. Ich kann nur wiederholen: Tegan Wagner ist eine Heldin.

Rezension: Sentence of Marriage

von Shayne Parkinson

Neuseeland im Jahr 1881. In der Bay of Plenty wächst Amy auf einer Farm in einem kleinen Dorf auf. Sie hat eine unbeschwerte Kindheit, doch das ändert sich, als Jimmy Taylor, ein Verwandter ihrer neuen Stiefmutter, im Dorf auftaucht.

Plötzlich ist die 15-jährige Amy schwanger, und Jimmy sucht das Weite. Nun ist guter Rat teuer. Wer nimmt ein gefallenes Mädchen noch zur Frau? Was soll aus ihr werden? Als der verschrobene Charlie Stewart sich bereit erklärt sie zu ehelichen, muss Amy sich entscheiden.

Dies ist der Auftakt zu einer spannenden Familien-Saga im Neuseeland des 19. Jahrhunderts. Shayne Parkinson beschreibt nicht nur die Geschichte von Amy und ihrer Familie in spannenden Episoden, sondern lässt auch das tägliche Leben eines abgelegenen Ortes mit einsamen Farmen in Neuseeland vor unseren Augen entstehen.

Viele Kleinigkeiten, wie die Installation eines Kupferkessels für die Wäsche, lassen das Leben auf so einer Farm erst richtig lebendig werden. Ich habe die folgenden Bände gleich hinterher gelesen, weil ich unbedingt wissen wollte, wie es weitergeht.

Rezension: Käse

von Willem Elsschot

Der kleine Angestellte Frans Laarmanns träumt in Antwerpen davon, Geschäftsmann zu werden und in die höhere Gesellschaft aufzusteigen. Als man ihm anbietet Handelsvertreter zu werden, glaubt er seine Chance ist gekommen, und greift mit beiden Händen zu.

Flugs werden zehntausend Edamer bestellt, die er nur noch schnell verkaufen muss. Gar kein Problem! Oder…?

Das Buch ist kurz, aber jede Seite wert. Ich habe mich beim Lesen scheckig gelacht. Frans ist einfach ein hoffnungsloser Träumer, der zwar Ehrgeiz und Tatendrang besitzt, aber keinerlei Prioritäten setzen kann und überhaupt kein Verkaufstalent besitzt. So werden Visitenkarten bestellt, eine Telefonleitung angeschafft, das Büro tapeziert, alles mit einem unglaublichen Elan, während der Käse im Lager liegt. Und liegt. Und liegt.

Es gibt ja Leute, die Eskimos Kühlschränke verkaufen können, aber ich fürchte, ich selber wäre auch eher so ein Frans Laarmanns wenn ich plötzlich im Großhandel tätig werden müsste.

Ich habe das Buch in einem Rutsch durchgelesen, und hatte hinterher richtig gute Laune.

Rezension: Der sterbende König

von Bernard Cornwell

Alfred, König von Wessex, stirbt. Das kann er ziemlich gut, schliesslich übt er schon seit ein paar Büchern. Aber diesmal ist es wohl wirklich soweit.

Wie schon im letzten Band kommen hier Fäden zusammen, die schon seit einer Weile gesponnen werden. Das Königreich Mercia erhebt sich wieder und schüttelt zumindest im Süden die dänische Herrschaft ab. Vor allem lernen wir Alfreds Kinder Edward und Aethelflaed besser kennen. Beide haben in Baemfloet schon ein Rolle gespielt, doch jetzt erleben wir, wie sie mit Stress und Verantwortung umgehen.

Meine neue Lieblingsfigur ist definitiv der schnodderige Vater Cuthbert, der mit einem abgebrochenen Kreuz um den Hals auftaucht. Ich hoffe, er wird Teil der Entourage und wir sehen ihn im nächsten Band wieder!

 

Rezension: Die Eleganz des Igels

von Muriel Barbery

Das Buch ist eine seltsame Mischung aus leichtherzigem „aus dem Nähkästchen einer Concierge“ und unsortierten philosophischen Gedanken.

Auf den ersten Blick dachte ich, dass die Philosophie völlig an mir vorbeigehen würde. Ich hatte das Buch zuerst in der Originalfassung auf Französisch angefangen, doch die gewählte Sprache war viel zu kompliziert für mein Alltagsfranzösisch. Den zweiten Versuch habe ich mit der englischen Übersetzung gemacht, und es wurde ein sehr interessantes Lesevergnügen.

Ich habe Kant nicht gelesen, und das Tolstoi-Zitat hätte ich auch nicht als solches erkannt als es fiel, aber die Autorin lässt keinen Leser im Regen stehen sondern sorgt dafür dass jeder die Anspielungen versteht, auch wenn er sich sonst mit Philosophie nicht weiter auskennt. Renees interne Monologe wandern durch alle möglichen Themen, und sie findet immer etwas Schönes, selbst in Kleinigkeiten.

Obwohl es mich am Anfang genervt hat dass Renee ständig unterstellt, die Bewohner ihres eleganten Gebäudes würden auf sie herabsehen, wurde sie mir nach und nach immer sympathischer. Sie ist ein etwas extremes Beispiel dafür, wie sehr sich ein Mensch vor anderen verstecken kann, aber ich glaube ein Stückchen Renee steckt in allen von uns. Die wenigsten Menschen zeigen einem Fremden gleich ihre gesamte Persönlichkeit, und man muss jemanden erst besser kennenlernen bevor man herausfindet wer oder wie derjenige wirklich ist.

Paloma fand ich zu zynisch und zu altklug (und etwas zu belesen) um als 12-Jährige durchzugehen. Andererseits hatte ich mit 12 auch ein Buch mit „wichtigen Gedanken“, also habe ich sie einfach mal so hingenommen. Manchmal wollte ich sie allerdings schütteln und sagen „Kuck mal! Die Sonne scheint, Du hast ein Dach über dem Kopf und deine Familie versorgt dich! Sei doch verdammtnochmal ein bisschen fröhlich!“

Wenn man die Philosophie beiseite lässt, ist es ausserdem auch eine richtig schöne Geschichte über eine ungewöhnliche Freundschaft. Ich habe beim Lesen kaum eine Pause eingelegt.

Rezension: Schrank am Strand

von Heike Karen Gürtler

Ich muss zugeben, ich habe das Buch gekauft ohne den Klappentext zu lesen. Ich fand den Titel einfach so gut, dass ich es haben wollte, komme was da wolle.

Wieso Schrank am Strand? Was macht der da? Ist das eine Umschreibung für einen Strandkorb? Klingt nicht so. Ist da was drin? Und wenn ja, was?

Das Buch ist aus der Ich-Perspektive erzählt, und fängt damit an dass die Protagonistin, deren Namen wir erst später erfahren, eine Panikattacke bekommt. Ich kenne Panikattacken aus eigener Erfahrung, gerade solche in Menschenmassen. Die Empfindungen, die man dabei hat, lassen sich nur schwer beschreiben finde ich, und die Autorin hat es brilliant gemeistert.

Zuerst ist es die Geschichte einer Frau, die nach Erholung und Enstspannung sucht, doch bald passieren seltsame Dinge. Mir gefiel besonders gut, wie die Protagonistin mit den Vorkommnissen umgeht, denn ihr erscheinen sie zwar etwas sonderbar, aber sie ist so sehr mit sich selbst und ihren Gefühlen beschäftigt, dass sie Dinge wie den Schrank oder ihre Zufallsbekanntschaft mit Lasse einfach so hinnimmt ohne sie zu hinterfragen.

Was mir ebenfalls sehr gut gefiel waren die Wortkreationen die Heike Karen Gürtler in die Geschichte einbaut, um die Gefühle wiederzugeben. Nicht nur treffen die Worte das jeweilige Gefühl sehr genau, sondern es führte mir auch wieder die Besonderheit der deutschen Sprache vor Augen, in der man einfach so neue Wörter erfinden kann die es vorher noch nicht gab, und trotzdem versteht jeder was damit gemeint ist.

Auch die Beschreibung der nicht weiter benannten Nordseeinsel hat mir mal wieder so richtig Lust auf Urlaub am Meer gemacht. Ich habe ein paar Jahre an der Nordsee gewohnt, und hatte richtig Heimweh während der beschriebenen Strandspaziergänge.

Ich habe das Buch an zwei Abenden förmlich verschlungen, und war fast ein bisschen traurig als es zuende war. Aber auch das Ende hat mir sehr gut gefallen.